Jean François Pignon – Interview

Ein filmreifes Leben

Jean François Pignon ist der wohl schillerndste Vertreter der französischen Show-Reiter-Szene – und Star der Gala „Nacht der Pferde“ am 6. und 7. Dezember im Rahmen der Pferd & Jagd.

Der Meister der Freiheitsdressur bekam mit zwölf Jahren sein erstes eigenes Pferd geschenkt: Gazelle, ein neun Monate altes Stutfohlen, das Pignons Vater vor dem Metzger rettete. Für die Ausrüstung war nach dem Kauf kein Geld mehr übrig. So tollte Jean François Pignon ohne Sattel mit Gazelle durch die Landschaft der Provence nahe Montelimar, wo er aufwuchs. Er „spielte“ mit seinem Pferd, brachte ihm Kunststücke bei. Gazelle war wegweisend für Pignons Zukunft: Nach der Schule ließ er sich zum Pferde-Artisten ausbilden. Doch Stunts allein waren nicht seine Welt. Er wollte mit Pferden arbeiten. Und so perfektionierte er die Freiheitsdressur.

Pignons Markenzeichen ist seine physische Präsenz. Er ist selbst im Rampenlicht kein Mann der großen Gesten. Und doch sind seine Pferde voll auf ihn konzentriert, folgen ihm wie an einem unsichtbaren Führstrick und reagieren selbst aus der Entfernung auf kleinste Zeichen. Seine Methoden lassen sich in seinen Büchern nachlesen oder in seinen Seminaren erlernen. Man kann sich seine Arbeitsweise auch in der Filmbiografie „Gazelle“ anschauen – oder sich einfach bei der „Nacht der Pferde“ faszinieren lassen.

Monsieur Pignon, Ihr erstes Pferd hieß Gazelle. Es gibt einen gleichnamigen Film darüber, wie es ihr Leben verändert hat. Was ist ihre schönste Erinnerung an Gazelle?
Gazelle war der größte Wendepunkt in meinem Leben. Sie hat mir eröffnet, wie besonders Pferde sind, hat mich auf den Beruf des Pferdeartisten gebracht und meinen Glauben an Gott gestärkt – das hat wirklich mein Leben verändert.

Was sind die Grundpfeiler ihrer heutigen Arbeit?
Einen Zustand geistiger Gelassenheit zu erreichen, der Ruhe und Entschlossenheit vereint.

Die Rollenverteilung ist bei Ihnen klar: Sie dirigieren, das Pferd führt aus. Und doch wirkt das Zusammenspiel stets freundschaftlich. Wie bringen Sie den Tieren Respekt bei, ohne sie einzuschüchtern?
Indem ich die Pferde beobachte, versuche ich, ihre Verständigungsweise zu übernehmen, die mehr auf Gesten als auf Sprache beruht. Meine Absicht ist, in ihren Augen als der Überlegene zu erscheinen, der ihnen aber freundschaftlich gesonnen ist und auf den sie sich nicht zuletzt auch in gefährlichen Situationen verlassen können.

Sie belohnen Ihre Pferde nicht mit Futter oder Streicheln, sondern mit Ruhepausen. Warum?
Das hat auch etwas mit Respekt und Dominanz und dem Verhalten der Pferde zu tun. Wer dominiert, gibt den anderen niemals Futter ab – im Gegenteil: Er isst als Erster das meiste. Die Pferde nicht mit Essen zu „belohnen“ unterstreicht meine Überlegenheit.

Große Shows bringen auch Stress mit sich. Wie schaffen Sie es, dass bei Auftritten nicht nur Ihre Pferde ruhig sind, sondern Sie selbst auch?
Seit ich an Gott glaube, bin ich gelassen. Das hat meinen Alltag verändert. Egal, ob Show oder Großereignis: ich bleibe ruhig. Und das spüren auch meine Pferde. Sie verlassen sich auf mich als eine Art Anführer, der die gesamte Herde mit seinem Verhalten und seinen Gefühlen beeinflusst.